Erschienen am 13.03.2010 auf www.freies-wort.de

Fahrt mit dem Chef-Trabi ist bis heute unvergessen
Schüler der Lebenshilfe aus Franken weilten zum 20. Male in Oberhof. Kaffeetafel und Geschenke als Dankeschön.

Oberhof - "Als wir das erste Mal hier waren, durften wir sogar mit dem Trabi vom Chef fahren. Das war ein unvergessenes Erlebnis", lacht Erwin Gerstner. Der Lehrer an der Dr.-Bernhard-Leniger-Schule in Trägerschaft der Lebenshilfe Nürnberger Land kommt mit seinen Schützlingen - geistig behinderte Kinder und Jugendliche - schon seit 19 Jahren nach Oberhof, um im früheren Naturfreundehaus und der heutigen AWO-SANO-Unterkunft eine einwöchige Skifreizeit zu verleben.

Der Trabi von damals gehört Bernd Wernicke, Leiter der Herberge, der sich am Donnerstagnachmittag mit einer festlich gedeckten Kaffeetafel bei seinen langjährigen Gästen bedankte. Auch Barbara Ulitzsch nahm die zwanzigste Reise zum Anlass, die Treue zu Oberhof mit Geschenken im Namen der Tourismus GmbH zu würdigen.

Erwin Gerstner begründete das Skiprojekt für geistig Behinderte 1988 gemeinsam mit einer Kollegin. Nach ein paar Jahren im Bayerischen Wald fuhr man 1991 erstmals nach Oberhof. Die guten Wintersportverhältnisse (nur einmal gab es keinen Schnee) und die hervorragenden Bedingungen im Hause, die sich über die Jahre weiter verbessert haben, überzeugten.

Zur 20. Skifreizeit lachte sogar an fast allen Tagen die Sonne, so dass die zwölf jungen Leute im Alter von zwölf bis 19 Jahren jeden Tag Langlauf trainieren konnten. "Bei unseren Schülern hat die Skifreizeit einen sehr hohen Stellenwert. Sie fühlen sich in Oberhof sehr wohl und im Haus gut aufgehoben", macht Gerstner den Gastgebern ein Kompliment.

Neben den Skikursen auf der nahen Golfwiese wurde auch im Biathlon-Stadion am Grenzadler geübt. Da war es natürlich etwas ganz Besonderes, auf Weltklasseathleten wie Kati Wilhelm, Andrea Henkel oder Alexander Wolf zu treffen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Am Donnerstagvormittag absolvierten die Schüler dann selbst in der Arena einen Abschlusswettkampf. "Im Vordergrund steht der Spaß an der Bewegung, nicht unbedingt die Leistung", sagt der Initiator der Winterfreizeit.

Bei den Aufenthalten in Oberhof geht es jedes Jahr nicht allein darum, den geistig behinderten Mädchen und Jungen das Einmaleins des Skilanglaufs zu vermitteln. Die Woche ist zugleich eine Praxisübung für Studenten der Universität Ludwigsburg. Zehn angehende Lehrer im Behindertenbereich begleiteten die Schüler der fränkischen Einrichtung sowohl bei ihrem Skikurs als auch bei anderen Aktivitäten. Dazu zählte zum Beispiel eine Nachtwanderung durch tiefen Schnee in Richtung Forsthaus Sattelbach. bk


Freies Wort - 30.04.2010

Herbie und Arabella bringen die Jugend Europas zusammen
Internationaler Jugendaustausch findet zum dritten Mal in Oberhof statt. Bespielbare Kunst war 2010 das Thema für
Deutsche, Ungarn, Slowaken.

Von Bettina Keller

Oberhof - Der Drache "Herbie" blickt freundlich gen Rennsteig. Er entwächst seit einigen Tagen dem Sandkasten des AWO Sano-Ferienzentrums in Oberhof. Auf seiner Sichtachse steht die Burg "Arabela", und dort wohnt vielleicht eine schöne Prinzessin, der er zustrebt. Einen Schmiss auf der rechten Wange hat er schon, vom Kampf mit dem Ritter, der mit ihm um die Gunst der Angebeteten buhlt.

So oder ähnlich könnte die Geschichte um die beiden neuen Figuren im Außenbereich des Ferienzentrums lauten, die sich zukünftige Ferienkinder ausdenken. Entstanden sind Herbie und Arabela aus Draht, Papier, Beton-Estrich und Farbe im Rahmen des EU-Programms "Jugend in Aktion". Es möchte Bürgersinn, Demokratie und Solidarität unter jungen Menschen stärken, ihnen zu mehr Mobilität in Europa verhelfen und nicht zuletzt Vorurteile abbauen. Bis 2013 stellt Brüssel dafür 886 Millionen Euro für Jugendgruppen, gemeinnützige Vereine und Einrichtungen der Jugendarbeit in 31 Ländern zur Verfügung.

Die internationale Jugendbegegnung findet vor Ort bereits zum dritten Mal statt. In den letzten Jahren entstanden dabei ein Fußfühlpfad und ein waldphilosophischer Pfad. In diesem April haben die 14- bis 21-jährigen Teilnehmer aus Ungarn, Rumänien, Deutschland und der Slowakei bei ihrem 14-tägigen Aufenthalt im Thüringer Wald den Projekt-Schwerpunkt "Bespielbare Kunst" bearbeitet. Alle Schritte wurden gemeinsam entschieden. Stellwände mit den Fotos zeigen die einzelnen Projektphasen vom gegenseitigen Kennenlernen, über erste Arbeiten wie das Modellieren der Figuren in Ton, der Bauausführung bis hin zur Namensfindung. Die Projektsprache ist Englisch. Begleitet wurden die rund 40 Teilnehmer von zwei Berliner Künstlern, die zur Materie schon auf Großstadtspielplätzen Erfahrungen gesammelt haben: Michael Bause und Serafina Lenz.

Als Spielobjekt erhalten

Die Ergebnisse der künstlerischen Arbeiten sollen, so Bernd Wernicke, Chef des Ferienzentrums, nicht nur schön aussehen, sondern auch einen nachhaltigen Nutzen bringen. Bald können die kleinen Gäste mit ihnen Märchen spielen. Doch zuerst müssen sie noch austrocknen, das Klima ist im April unbeständig, manchmal sabotiert es die Arbeit im Freien. Zur Namenstaufe, bei strahlendem Sonnenschein und einem Gläschen Sekt, durften Herbie und Arabela ihre Plastikverhüllung kurz ablegen, doch gleich wurden sie wieder gründlich eingepackt.

Natürlich kam die Freizeit trotz der konzentrierten Arbeit nicht zu kurz. Weimar, Buchenwald und Erfurt standen auf dem Programm, dazu die Erkundung der näheren Umgebung und Bogenschießen. Bei den Teilnehmern hat der Aufenthalt in Oberhof einen bleibenden Eindruck hinterlassen. "Es war sehr interessant und wir haben uns sehr gut amüsiert", sagt der 16-jährige Szabolcs aus dem ungarischen Veszprém in der Nähe des Plattensees. Sein Kommilitone Lennon, er macht am Institut Séf eine Ausbildung im Bereich Handel und Tourismus, ergänzt: "Die Landschaft ist so grün, es gibt viel Wald - wunderschön." Szabolcs pflichtet ihm bei. "Die Luft ist nicht verschmutzt. Deutschland ist sauber." Bela Morvai, ihr Deutschlehrer, erklärt das anspornende Auswahlverfahren für die ungarischen Teilnehmer: "Wer gut in Deutsch ist, darf mit." Solche Projekte würden junge Menschen zusammenbringen, die Toleranz gegenüber anderen Nationalitäten fördern. Insbesondere lobt er die Gastgeber, die immer mehr als hundert Prozent gegeben hätten - "die deutsche Gastfreundschaft lässt sich in Oberhof erkennen." Das Essen sei nicht so würzig wie in Ungarn, aber es schmecke. Lennon meint: "Es ist klasse. Jeder hat schon zwei Kilo zugenommen." Im nächsten Jahr soll im AWO-Ferienzentrum wieder ein "Jugend in Aktion"-Projekt durchgeführt werden.


www.insuedthueringen.de - 31.05.2011

Mal Pause vom Pflegealltag machen Einfach mal Durchatmen - für pflegende Angehörige von Demenzkranken ist dies nicht selbstverständlich. Ein neues Angebot für Ferien in Oberhof macht es nun erstmals in Thüringen möglich.

Oberhof - Ursula Wilhelm atmet tief ein. Sie wandert durch den Rennsteiggarten in Oberhof und genießt die Landschaft in vollen Zügen. Die 79-Jährige kommt kaum noch zum Spazierengehen, seit ihr Mann Rolf an Demenz erkrankt ist. Rund um die Uhr muss er betreut werden, enge Verwandte erkennt er nicht mehr. Unbeschwert Urlaub zu machen, das schien für Familie Wilhelm bis vor Kurzem unmöglich. Zuletzt hatte sich das Paar aus Plaue bei Arnstadt vor mehr als fünf Jahren die Schlösser der Loire in Frankreich angesehen. Ans Reisen war jedoch seither nicht mehr zu denken. Rolf Wilhelm konnte irgendwann kein Auto mehr fahren, die Orientierung wurde immer schlechter. Jetzt bekommt der 84-Jährige die Pflegestufe II und wird von seiner Frau betreut. "Ich muss unbedingt auf den Beinen bleiben, um meinem Mann sein zu Hause zu erhalten", sagt Ursula Wilhelm. Ein kräftezehrender Job. Doch wie soll sie entspannen, wenn sie doch Tag und Nacht gebraucht wird?

Mit neuer Kraft ans Werk

Über eine Selbsthilfegruppe bekamen die Wilhelms schließlich den wertvollen Tipp: Für Demenzkranke und ihre pflegenden Angehörigen sollte es spezielle Urlaubsangebote mit Betreuung geben. Rügen schied wegen der Entfernung aus. Über Umwege erfuhren die Wilhelms dann vom AWO Sano-Ferienzentrum in Oberhof. Nicht einmal eine Autostunde entfernt haben sie nun eine erholsame Woche verbracht: "Ich war in Ruhe beim Frisör, bin viel gelaufen und gehe nun mit neuer Kraft ans Werk", sagt Ursula Wilhelm. Eine Kremserfahrt, ein Besuch im Meeresaquarium in Zella-Mehlis oder der Spaziergang im Rennsteiggarten haben ihr gut getan. Ihren Mann wusste sie jederzeit gut betreut. "Wir machen Spiele, singen viel oder basteln", erzählt Heike Schneider. Sie ist stellvertretende Hausleiterin des Ferienzentrums und betreut dieses spezielle Urlaubsangebot. Vier Stunden vormittags und vier Stunden nachmittags kommt Pflegepersonal der AWO Schmalkalden-Meiningen, um die Demenz-Patienten zu betreuen.
Währenddessen haben die Angehörigen - seien es die Ehepartner, Kinder oder Enkel - die Möglichkeit, sich vom aufreibenden Pflegealltag zu erholen. "Wir versuchen unseren Urlaubern das schlechte Gewissen zu nehmen. Ihr Partner wird nicht einfach nur abgegeben, er kommt in gute Hände." Einfach loslassen und mal etwas für sich machen, viele Angehörige hätten damit noch Probleme.

Antrag bei der Pflegekasse

In Thüringen leben laut Landesamt für Statistik etwa 37 000 demenzkranke Menschen. Studien belegen, dass zwei Drittel der Betroffenen von der eigenen Familie gepflegt und betreut werden. 60 Prozent von ihnen nehmen laut Pflegestatistik keine professionelle Hilfe in Anspruch, also weder stationäre noch ambulante Pflegedienste. Trotz dieser hohen Zahl, blieb bisher das Angebot betreuter Urlaube eher klein. "Unsere Erfahrung ist, dass viele Menschen in dieser Situation mit dem Thema Urlaub schon abgeschlossen haben oder es sich nicht gönnen mögen", sagt Doreen Seidler von der Alzheimer-Gesellschaft Thüringen. Viele hätten im 24-Stunden-Pflegealltag den Blick für sich selbst verloren oder scheuten den Aufwand, für ein solches Angebot zusätzliche Arbeit in Kauf zu nehmen. Die Anträge und Formalien für einen Urlaub mit Betreuung stellen aus Sicht von Katharina Krüger keine Hürde dar. Sie ist Referatsleiterin für Gesundheit bei AWO Sano, Anbieterin für Rehabilitation und Vorsorge, gemeinnützige Familienerholung und Bildungsangebote mit den Schwerpunkten Pflege und Familie. Seit drei Jahren ist sie Trägerin des Oberhofer Ferienzentrums, das in den 1980er-Jahren Pionierhaus und später dann Naturfreundehaus war. "Interessenten müssen erst einmal nur den Telefonhörer in die Hand nehmen", sagt Krüger. Nachdem geklärt sei, ob grundlegende Voraussetzungen erfüllt sind, könne ein Antrag auf Verhinderungshilfe bei der Pflegekasse gestellt werden. Im Sozialgesetzbuch ist geregelt, dass Pflegepersonen unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf 28 Tage Urlaub beziehungsweise Krankheit haben, in denen der Pflegebedürftige durch jemand anderes betreut wird. Erfolgt eine Kostenzusage, so steht dem Urlaub nichts mehr im Wege. Der Grad der Demenz, die Medikation des Patienten und weitere Rahmenbedingungen werden direkt mit dem Pflegepersonal und mit dem Betreiber der Unterkunft im Vorfeld abgestimmt.